Folge 1 vom 8.10.2009:

Nachwuchssorgen

 

 


Inhalt:

    - Ein Kinderspielplatz,
    - das Bildungsdilemma und

    - Landwirtschaft als Beschäftigungstherapie.


 

 

Vor meinem Balkon ist ein Kinderspielplatz. Ich sehe gelegentlich ganz gern da hinunter. Es ist ja so rührend, Kindern beim spielen zuzusehen. Wie süß! Unser Nachwuchs! Die neue Generation! Da krabbelt die Zukunft der Menschheit! Und es sind immer noch so soziale, kleine Äffchen!

Ich persönlich glaube ja, die schaffen es nicht mehr. Für uns Erwachsene reicht die Zeit vielleicht noch, aber für die Kinder? So ein Mensch lebt ja doch an die hundert Jahre! Eine Ewigkeit! Das überlebt sich sozusagen selbst. Können Sie sich eigentlich das Jahr 2100 vorstellen?

Ich schätze, es wäre an der Zeit, zu bilanzieren. Die Geschichte unserer westlichen, demokratischen und freiheitlichen Zivilisation zu schreiben! Vermutlich werden das so an die dreiundsiebzig Bände, ungefähr 51081 Seiten. Ich würde mich durchaus bereit finden, das zu übernehmen. Es ist nur so, dass ich mich in letzter Zeit so schlapp fühle. Geht ihnen das auch so?
Und dann immer wieder die Frage: Wer will das alles noch lesen? Die Kinder da unten auf dem Spielplatz etwa? Die können ja noch gar nicht lesen. Und wer soll ihnen das jetzt noch beibringen? Und vor allem: Wozu?

Immerhin, es gibt Idealisten, die fangen erst an zu arbeiten, wenn die anderen es aufgeben. Frei nach dem denkwürdigen Motto: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute einen Baum pflanzen. Warum pflanzen Moralisten eigentlich keine Bäume, solange die Welt noch nicht akut untergeht?

Vermutlich liegt die Zurückhaltung im ideellen Charakter begründet. Geht die Welt morgen unter, wird der Schößling zum romantischen Symbol. Bleibt die Welt aber, wie sie ist – und diese Gefahr besteht immer – wird man zum Teil der holzverarbeitenden Industrie. Es geht eben um Sinnproduktion, nicht um Holzproduktion! Erst angesichts der eigenen Vergänglichkeit wird Landwirtschaft zur reinen Beschäftigungstherapie.

Irgendwie scheint mir noch immer, dass da ein Denkfehler vorliegt. Der Moment, in dem ein realer Baum zum imaginären Symbol wird, ist jener, in dem Symbole keine Rolle mehr spielen. Bäume allerdings auch nicht! Nun, jeder wie er mag. Ich für meinen Teil werde nicht einmal anlässlich des Weltuntergangs Bauer. Da kann die Agrarlobby propagieren, was sie will. 

Mein bester Freund hat dessen ungeachtet eine Birke gepflanzt: In Konstanz, direkt am Bodensee. Das Problem, soviel hat er mir verraten, war nicht der Baum, nicht das pflanzen, kein Symbol und keine Holzindustrie. Das Problem beim Bäumepflanzen in Deutschland ist die Verwaltung.

Jeder Baum im öffentlichen Grün muss verwaltet werden und zuständig ist das Ordnungsamt. Einen Baum zu pflanzen erfordert einen wochenlangen Briefwechsel, bis dem Baum schließlich – mit Brief und Siegel – ein Standort zugewiesen werden kann. Erst wenn er einen bewilligten Standort hat, kann er gepflanzt werden. Der Vorteil dabei: Geht der Baum ein, entsteht eine bürokratische Vakanz, die von Stadtgärtnern automatisch neu bepflanzt wird – und zwar sogar am Tag vor dem Weltuntergang.

von Gerald Reuther

 

 

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